Biodiversität – Möglichkeiten gegen das Artensterben

Biodiversität und Artensterben
– was kann ich denn tun?

Artensterben, Invasive Organismen, Auswirkungen des Klimawandels, Zunahme von Naturkatastrophen, intensive Landwirtschaft, Sicherstellung der Lebensmittelversorgung, Steinvorgärten und Erholungsdruck in der Landschaft, das sind Einzelaspekte einer Entwicklung mit weitreichenden Folgen auch für die Menschen. Nachdem Korona die Initiative „Friday for Future“ aus den Schlagzeilen verbannt hatte, gewinnt das Thema Klimaschutz und Artenvielfalt zum Glück wieder mehr Beachtung und wird zunehmend diskutierte.
Dabei ist die alleinige Frage „Wer ist schuld?“ wenig zielführend und „da kann ich nichts dafür oder dagegen tun” hilft ebenfalls wenig. Die Suche nach Lösungen hilft deutlich mehr.
Das Rebhuhn ( Bild G. Greiner, LJV Baden-Württemberg) ist ein Indikatortier für eine intakte und artenreiche Kulturlandschaft.

EU-Kommission

Eine der ersten Initiativen der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen war die Verkündung der EU-Biodiversitätsstrategie 2030
Der Verlust an biologischer Vielfalt und die Klimakrise sind eng miteinander verknüpft und wirken gegenseitig verstärkend. Wiederaufforstung, Sanierung von Böden und Wiederherstellung von Feuchtgebieten, Schaffung grüner Oasen in Städten – all das ist notwendig, um die bis 2030 notwendige Eindämmung des Klimawandels zu erreichen“.

  • Mit dieser Argumentation werden die in 2 zentralen Bereichen fokussierten Handlungsfeldern begründet:
    Schaffung von Schutzzonen und
  • Wiederherstellung geschädigter Land- und Meeresökosystemen

Einige der vorgeschlagenen Maßnahmen konkurrieren mit derzeit geltenden Marktmechanismen, welche letztliche alle ein ständiges Wachstum und möglichst hohe Beschäftigungsraten zum Ziel haben. Nicht zu verkennen sind finanzpolitische Fragen wie Rendite und Entlohnung des Kapitals. Die grundsätzliche Frage ist, ob kurzfristige ökonomische Ziele langfristig unumkehrbare Schäden rechtfertigen können.

Ganz wesentlich ist aber, dass für diese Vorhaben ausreichend Gelder zur Verfügung stehen, damit einerseits die zusätzlichen Aufwendungen und andererseits die Einnahmeverluste kompensiert werden können. Eine Einigung über den Agrarhaushalt ist hierfür unabdingbar. Wohl haben die Agrarminister am 27. Oktober 2020 eine grundsätzliche Einigung erzielt , ob diese aber im Rahmen der weiteren Verhandlungen Bestand hat bleibt abzuwarten.

Außer die Meinung hierzu zu bilden und zu äußern, bleibt dem Einzelnen aber wenig Einflussmöglichkeit, außer etwas direkt vor Ort für die Natur zu tun.

EU-Agrarförderung

Innerhalb der EU-Agrarförderung haben die einzelnen Bundesländer die Möglichkeit im Rahmen der Agrar-Umweltmaßnahmen AUM eigene Akzente zu setzen. Neben einer entsprechenden Programmbeschreibung muss allerdings auch ein Komplementäranteil an Mitteln eingesetzt werden. Meist ist es eine 50:50 Förderung mit 50% EU-Geld und 50% Landes- bzw. Bundesmittel.

Auf der Ebene des Bundes kann eine Beschreibung der Begriffe, der derzeit gültige Rechtsrahmen und weitere Informationen abgerufen werden.
In Bayern wurde das „Kulturlandschaftsprogramm (KULAP)“ aufgelegt. Das Programm ist in 4 Bereiche „Klimaschutz“, „Boden- und Wasserschutz“, „Biodiversität – Artenvielfalt“ und „Kulturlandschaft“ gegliedert.
In Baden-Württemberg werden die Agrarumweltmaßnahmen über das „Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl (FAKT)“ umgesetzt. Vorläufer war der „Marktentlastungs- und Kulturlandschaftsausgleich (MEKA) aus dem Jahr 1992. Auch hier werden nach einem Baukastenprinzip einzelne Fördertatbestände aus u.a. den Bereichen „Umweltbewusstes Betriebsmanagement“, „Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft“, „Sicherung besonders landschaftspflegender gefährdeter Nutzung und Tierrassen“, „Ökologischer Landbau“, „Umweltschonende Pflanzenerzeugung“ und „Besonders tiergerechte Haltung“ gefördert.
Rheinland-Pfalz hat ein umfangreiches Programmpakete im Bereich AUM unter der Bezeichnung Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen (EULLa) aufgelegt.
Im Grunde werden in allen bereits bei den anderen Ländern erwähnten Bereiche Förderungen angeboten, welche in verschiedene Einzelbereiche gegliedert und ähnlich wie bei FAKT kombiniert werden können.
Auch Hessen bietet unter der Bezeichnung „Hessisches Programm für Agrarumwelt- und Landschaftspflegemaßnahmen (HALM)” ein entsprechendes Programm an. Auch hier werden verschiedene, kombinierbare Module aus den Bereichen „Förderung des ökologischen Landbaues“, „Förderung besonders nachhaltiger Verfahren im Ackerbau und Grünland oder Dauerkulturen“ und „Arten- und Biotopschutz“ gefördert.

Diese Auflistung könnte für alle Bundesländer fortgeführt werden. Letztlich werden die AUM überall angeboten, Unterschiede gibt es lediglich in der Schwerpunktsetzung und Komplexität der Verfahren. Bei allen Maßnahmen ist aber die Teilnahme der landwirtschaftlichen Betriebe freiwillig, im Gegensatz zu den „Greening-Verpflichtungen“ der derzeitigen EU-Direktzahlungen.

Grundsätzlich ist bei allen Agrarumweltmaßnahmen mit EU-Kofinanzierung eine Laufzeit von 5 Jahren obligatorisch. Neben dem Vorteil für die Natur, ergibt sich damit auch eine Planungssicherheit für die Teilnehmer. In der Gewichtung zwischen „1.Säule=Direktzahlungen“ zu „2.Säule=Agrarumweltmaßnahmen“ wird es in der neuen Förderperiode, deren Finanzierung gerade heftig umstritten ist, sicher einige Änderungen geben, beonders in der Finanzausstattung, also die Höhe der verfügbaren Mittel.

Ganz entscheidend ist aber, was das jeweilige Bundesland, abgesehen von Mitteln des Bundes, zu den EU-Geldern hinzugibt. Insofer ist spannend, was geraden unter dem Eindruck und in Folge des bayrischen Volksbegehrens “Rettet die Bienen” in den Bundesländern in Form von Sonderprogrammen und damit vermutlich auch als AUM für die nächste Förderperiode aufgelegt wird.

spezielle Maßnahmen in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg hat mit allen Beteiligten nach Möglichkeiten gesucht und bereits im Oktober 2019 mit dem sogenannten „Eckpunktepapier“ maßgebliche gesetzliche Änderungen beschlossen und Ende November mit dem „Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt“ ein entsprechendes Gesetz mit einem Finanzvolumen von 36 Millionen Euro verabschiedet.
In der Folge wurden Änderungen bzw. Ergänzungen im Förderverfahren FAKT vorgenommen:

  • Förderung von Blüh-, Brut- und Rückzugsflächen (Lebensräume für Niederwild, Maßnahme E7
    Auf stillgelegten Flächen wird die Aussaat einer Blühmischung bezuschusst. Die Fläche muss eine Mindestgröße haben und nach Vorgabe gepflegt werden. Pflanzenschutz- und Düngemittel sind untersagt.
  • neues Förderprogramm für kommunale Blühflächen
    Mit einem Umfang von 7,5 Mio. Euro werden Kommunen unterstützt, um einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität und zur Stärkung des Biodiversitätsbewusstseins zu leisten. Neben der Schaffung von Blühflächen werden auch Biodiversitätspfade als Beitrag zur Biotopvernetzung gefördert
  • neue Förderung für mehrjährige Blühmischungen (ökologische Zellen) ab 2021
    nachdem Untersuchungen ergeben haben, dass der erwünschte Effekt besonders für Insekten und damit auch insektenfressende Vögel im Freiland nur bei mehrjährigen Standzeiten, ohne Pflegeeingriffe einen ausreichenden Effekt erzielen.
  • Ein besonders zu begrüssendes Projekt ist die “Allianz für Niederwild“, ein Gemeinschaftsprojekt der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg und dem Landesjagdverband Baden-Württemberg. Das Projekt wird über das Ministerium für ländlichen Raum gefördert, Projektpartner sind u.a. auch die Bauernverbände LBV und BLHV, sowie die Naturschutzverbände LNV, BUND und NABU.
    Ziel des Projektes ist der Erhalt einer nachhaltigen Bewirtschaftung der landwirtschaftlich geprägten Kulturlandschaft. Die für diese Lebensräume charakterisierenden Arten Feldhase, Rebhuhn und Fasan bilden für das Projekt die Leitarten und sind Indikatortiere für den Zustand des Ökosystemes. Sie stehen auch stellvertretend für den starken Rückgang vieler Arten des Offenlandes. Anhand von Modellvorhaben verstreut über Baden-Württemberg werden Maßnahmen – welche letztlich auch bereits die Weiterentwicklung von FAKT bewirkt haben – erprobt, evaluiert und weiterentwickelt. Gesucht werden gangbare und realisierbare Wege gegen den fortschreitenden Verlust der Arten und Lebensräume in der Agrarlandschaft.
    Einen großen Erfolg konnte das Projekt – neben vielen Flächen – durch die Prämierung als “ausgezeichnetes Projekt der UN-Dakade Biologische Vielfalt” verbuchen. Die Urkunde wurde vom zuständigen Minister für Ländlichen Raum überreicht.

Ohne Zweifel sind alle Programme nur dann ausreichend erfolgreich, wenn durch eine große Teilnahme möglichst viel Fläche zur Verfügung steht. Qualität und Quantität müssen stimmen. Insofern ist die Bereitschaft der Landwirtschaft zur Teilnahme sehr wichtig.

Fazit:

Es gibt viele Ansätze dem Artensterben entgegenzuwirken und damit die Biodiversität zu erhalten. Ideen sind vorhanden, es fehlt häufig an Akteueren bzw. der Unterstützung mit Geld und Engagement.

Sie könnten unter dem Motto “everyone for future”:

  • Ihren Vorgarten mit Stauden und Blühpflanzen aufwerten
  • In der Gemeinde für eine Extensivierung der Gemeindeflächen eintreten
  • eine Patenschaft für die Flächen, inklusive Pflegeeinsatz übernehmen
  • die Aktionsgruppen mit Arbeitskraft und Geld unterstützen 
  • als Grundstücksbesitzer die Flächen ökologisch aufwerten und zielgerichtet pflegen
  • Als Landwirt an den genannten Programmen engagiert teilnehmen
  • auf gesellschaftlicher und politischer Ebene auf die Notwendigkeit der Maßnahmen hinweisen